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Pilotprojekt Citizen Science – Interview mit Dr. Konstantin Kaminskij

Glühbirne

Mit einem bundesweit einzigartigen Pilotprojekt hat die Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf eine Stabsstelle für Bürgerwissenschaften eingerichtet. Dr. Konstantin Kaminskij übernimmt die Fachleitung der Citizen Science Initiative. Wir haben uns mit ihm über die Ziele und Vorhaben der Bibliothek auf dem Gebiet der Bürgerwissenschaften unterhalten.

Herr Kaminskij, was bedeutet Citizen Science?

Das wollen wir in den nächsten Jahren in der Bibliothek gemeinsam herausfinden. Vereinfacht könnte man vielleicht sagen, es geht dabei um neue Formen des ehrenamtlichen Engagements, um die Professionalisierung der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern und natürlich auch um Digitalisierung.

Das müssen Sie uns nochmal erklären. Wie könnten sich die Bürger*innen an der Wissenschaft beteiligen? Und was hat das mit Digitalisierung zu tun?

Zum Beispiel: Sie und Ihre Nachbarn möchten rausfinden, ob in Ihrem Kiez die Luftqualität durch Autoabgase belastet wird. Das ist eine Frage, die unmittelbar die Lebensqualität und die Gesundheit berührt. Also schließen Sie sich zusammen und gehen in Ihrer Freizeit dieser Fragestellung nach: Das ist ehrenamtliches Engagement.
Um Messungen der Luftqualität durchzuführen, brauchen Sie Geräte, die leicht zu handhaben sind und genaue Daten liefern, Sie müssen lernen, diese Technik anzuwenden und die Ergebnisse mit großen Datenmengen zu vergleichen: Das ist Digitalisierung.
Angenommen, Sie haben herausgefunden, dass die Abgasbelastung in zwei Straßen die zulässigen Normen überschreitet und Sie können das auch anhand von Messungen belegen. Jetzt stellen wir uns vor, engagierte Bürgerinnen und Bürger haben vergleichbare Messungen in allen Bezirken Berlins durchgeführt und ihre Messdaten auf einer Online-Plattform veröffentlicht – das ist Bürgerbeteiligung, die unmittelbar ein sehr wichtiges Ergebnis erzeugt – für Umwelt- und für Klimawissenschaften, aber auch für die Stadt- und Verkehrsplanung.
Davon profitieren alle – die Bürgerschaft, die Wissenschaft, die Demokratie, und die Umwelt – eine win-win-win-win-Situation.

Das hört sich an wie ein spannendes Projekt für die Zukunft. Klingt aber auch nach viel Aufwand und Ausgaben… Und was hat das alles mit der Bibliothek zu tun?

Vergleichbare bürgerwissenschaftliche Projekte wurden schon durchgeführt in Spanien, in Schottland, auf Malta, und ganz aktuell in Charlottenburg an der Technischen Universität (TU BerlinAir https://www.buergerschaffenwissen.de/veranstaltungen/forum-citizen-science-2021/tu-berlin). Das Geld für die Anschaffung der digitalen Geräte zur Luftmessung stellte die Europäische Union, die seit 2015 gezielt Citizen-Science-Projekte fördert.
Natürlich muss es auch nicht automatisch um hochkomplexe klimawissenschaftliche oder medizinische Fragestellungen gehen. Kultur, Lokalgeschichte und Digitalisierung von Archiven zum Beispiel bieten weitere spannende Gebiete für bürgerwissenschaftliche Fragestellungen.
Im Grunde sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt – was immer Bürgerinnen und Bürger gemeinsam erforschen wollen – ob aktuelle Wasserbelastung oder historische Wasserpumpen – alles ist im Rahmen von Citizen-Science-Projekten möglich. Öffentliche Bibliotheken sind dafür die erste Anlaufstelle – wir können beraten, bei der Anschaffung von speziellen Geräten helfen, Gruppenarbeitsräume zur Verfügung stellen, Kontakte zu Expertinnen und Experten und bürgerwissenschaftlichen Netzwerken vermitteln. Das ist der Grundgedanke des Pilotprojekts – Bibliothek neu denken – als naheliegenden Ort für Vielfalt, Kreativität und Kompetenzvermittlung, als einen Kommunikationsraum, der für alle offensteht.

Wie sind Sie zu Citizen Science gekommen?

Als Literatur- und Kulturwissenschaftler habe ich jahrelang an Universitäten geforscht und unterrichtet. Nebenher habe ich mich in Umweltbildung engagiert und Studienreisen in Osteuropa, den Kaukasus und Zentralasien organisiert. In diesem Rahmen habe ich bürgerwissenschaftliche Formate im Bereich des nachhaltigen Tourismus entwickelt. Dabei war es für mich immer wichtig, Kulturlandschaft und Naturlandschaft zusammen zu denken. Dieses faszinierende Zusammenspiel begeistert mich ganz besonders an Berlin und Brandenburg: internationale Kunstmetropole, nachhaltige Landwirtschaft, Wildnis – alles geht ineinander über, alles kommuniziert miteinander.

Haben Sie bereits einen Lieblingsort in Berlin gefunden?

Für mich ist das ganz klar: Treptow-Köpenick. Oberspree, ausgedehnte Wälder, Seen und zwölf Jahrhunderte aufregender Geschichte – mehr kann man sich wirklich nicht wünschen.

Das ist ja am anderen Ende der Stadt! Und was gefällt Ihnen an Charlottenburg-Wilmersdorf? Gibt es schon Pläne für Citizen-Science-Projekte im Bezirk?

Ich denke, wenn man anfängt sich ein Bild von Berlin zu machen, dann sieht dieses Bild Charlottenburg sehr ähnlich. Ich meine, das ist sogar der erste Bezirksname, den man von Berlin in Erinnerung behält. Bei mir zumindest war es so. Charlottenburg als Künstlerstadt steht für mich auch für eine spezielle Lebensart – schnelllebig und tiefgründig zugleich. Diese ganz eigene Atmosphäre von Charlottenburg und Wilmersdorf wollen wir als erlebte Geschichte ihrer Bewohnerinnen und Bewohner einfangen. Derzeit arbeiten wir zusammen mit dem Archiv der Villa Oppenheim an der Planung für ein solches bürgerwissenschaftliches Projekt der lebendigen Stadtgeschichte. Dazu laden wir alle Menschen ein:

Ihre Dias, Fotos und Dokumente können Sie in der Heinrich-Schulz-Bibliothek auch selbstständig digitalisieren – Sie mit uns zu teilen ist natürlich kein Muss!: https://www.wir-bieten-vielfalt-einen-ort.de/makerspace-digitalisierung/

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