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Kalimba-Workshop: Das Klavier für die Daumen – Erlebnisbericht

Praxisbericht für meinen Einsatz in der Musikabteilung vom 3. September – 20. September 2024

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es wohl ist, nur mit Ihren Daumen Klänge einer Kalimba zu erzeugen?

Für mich war dieses faszinierende Instrument zunächst nur ein Element in dem Soundtrack der Animationsserie Avatar – Der Herr der Elemente. Besonders im Stück „Avatar’s Love“, einem der ikonischeren Musikthemen der Serie, setzte der Komponist Jeremy Zuckerman die zarten, einfühlsamen Töne der Kalimba ein, um die emotionale Tiefe der Szenen auf einzigartige Weise zu verstärken.

Doch was genau ist eine Kalimba? Die Kalimba, auch bekannt als mbira, bei den Shona in Simbabwe oder nsansi, bei den Nyungwe in Mosambik, gehört zur Familie der Zupfidiophone und wird ausschließlich mit den Daumen gespielt. Das Instrument besteht aus einem hölzernen Resonanzkörper, der je nach Bauart unterschiedliche Größen und Formen aufweisen kann – die Kalimba, die ausschließlich im Workshop verwendet wurde, hatte die Größe eines Buches. Der Korpus, häufig mit einem Schallloch ausgestattet, trägt auf der Oberseite Metallzungen, die bei Berührung durch die Daumen in Schwingung versetzt werden und dabei klare, wohlklingende Töne erzeugen.

Traditionell gebaute Kalimba aus Afrika.

Am 10. September 2024 hatte ich die Gelegenheit, an einem Kalimba-Workshop teilzunehmen, der mir das Instrument auf eine völlig neue Weise näherbrachte. Organisiert wurde der Workshop von unserem Musikbibliothekar und -wissenschaftler Julian Obando Rodriguez, und dem Musiker Joseph Weinberg, der als Teil des Trios HYPNAGOGIA für seine einzigartigen musikalischen Projekte bekannt ist. HYPNAGOGIA verbindet die traditionelle afrikanische Mbira (Kalimba) mit klassischen Instrumenten, wie der Bassklarinette oder der Jazz-Trompete, und Joseph bringt in seiner Arbeit regelmäßig die Kalimba als zentrales Element ein. Ziel dieses Workshops war es, nicht nur die grundlegende Spieltechnik der Kalimba zu erlernen, sondern auch gemeinsam Musik zu machen und sich musikalisch auszudrücken.

Im Workshop fanden sich sieben Teilnehmer*innen zusammen, jede und jeder mit einer eigenen, tiefen Leidenschaft für Musik. Mit der Planung und der Durchführung eines Workshops sind viele Punkte zu beachten. Zu Beginn besprachen wir verschiedene Aspekte der Kalimba: Woher stammt das Instrument? Warum wird es mit den Daumen gespielt? Und wie stimmt man eine Kalimba, um den klaren, reinen Klang zu erzielen? Joseph, der seit über 15 Jahren die Kalimba spielt und ein tiefes Verständnis für afrikanische Musik mitbringt, vermittelte den Teilnehmer*innen diese Grundlagen mit Begeisterung und Hingabe.

Teilnehmer*in beim Spielen der Kalimba

Besonders beeindruckt hat mich der Moment, als wir begannen, ein traditionelles Lied aus Südafrika zu lernen, das von der Stadt Johannesburg handelt. Die Stadt, die während der Kolonialzeit durch ihre reichen Goldminen zu einem der wichtigsten Zentren Afrikas wurde, zog Menschen aus vielen Teilen des Kontinents an. Johannesburg war damals nicht nur ein wirtschaftliches Zentrum, sondern auch ein Ort der Hoffnung – und des Risikos. Das Lied, das wir lernten, mahnt Besucher, vorsichtig zu sein, wenn sie sich in Johannesburg aufhalten. Trotz dieser historischen Schwere war das Lied sanft wie ein Wiegenlied und erinnerte eher an die Alltagsweisheit der Menschen, die in der Stadt lebten.

Ausschnitt des gesungenen Liedes aus Südafrika über Johannesburg

Nach einer Einführung in die Kalimba-Technik begann die erste praktische Lektion: das Stimmen des Instruments. Musiker*innen wissen, dass ein Instrument über die Zeit verstimmt klingen kann und regelmäßig nachjustiert werden muss, um wieder die klaren, sauberen Töne hervorzubringen. Bei der Kalimba erfolgt dieser Vorgang mit einem Stimmhammer, der die Metallzungen durch sanftes Klopfen verkürzt oder verlängert, sodass der Klang individuell angepasst wird. Joseph zeigte den Teilnehmer*innen, wie sie ihre Instrumente richtig stimmen, bevor sie sich ans eigentliche Spielen wagten.

Links                                 Rechts

                                           C                                             G (2x)

C                                             F (1x)

A                                             D (1x)

C                                             G (2x)

G                                            D (2x)

Ausschnitt der zu spielenden Tonbuchstaben für zwei Gruppen

Schritt für Schritt begannen die Teilnehmer*innen, erste Klänge zu erzeugen, dabei war regelrecht zu spüren, wie eine Vertrautheit mit dem Instrument wuchs und eine gewisse Sicherheit im Umgang mit den zarten Metallzungen entstand.

Nach kurzer Zeit waren die Teilnehmer*innen in der Lage, die zuvor von Joseph auf einem Flipchart festgehaltenen Tonbuchstaben zu spielen. Die Tatsache, dass sie bereits alle Töne mit vollkommener Zuversicht beherrschten, veranlasste Joseph dazu, die Gruppe zu splitten. Fortan widmete sich ein Teil der Gruppe der Bass-Tonlage des Kalimbas, während die andere Gruppe weiterhin die höheren Töne spielte. Joseph selbst trat in dieser Phase als Solosänger auf und übernahm die musikalische Leitung des Ensembles.

Am Ende der beeindruckenden und zugleich herzlichen Aufführung bedankte sich Joseph für die wunderbare gemeinsame Zeit und ermutigte die Teilnehmenden, ihre Begeisterung für das Musizieren weiter zu verfolgen. Das Interesse an seiner Arbeit war überwältigend, und viele nutzten die Gelegenheit, sich miteinander zu vernetzen. Freuden wurden geäußert, wobei sich auch ein Großteil erkundigte, wann die Heinrich-Schulz-Bibliothek ihre eigenen Kalimbas für die Ausleihe zur Verfügung stellt.

Zum Abschluss wandte sich Joseph noch einmal an die Gruppe und hinterließ mit den Worten: „Wir sehen uns im nächsten Workshop“ eine Einladung zur Fortsetzung.

Der Kalimba-Workshop war für mich eine unglaublich inspirierende Erfahrung. Die Mischung aus kreativem Austausch, neuen musikalischen Impulsen und der Leidenschaft der Teilnehmenden hat mich begeistert. Es war bereichernd, in so einer offenen und motivierenden Atmosphäre gemeinsam zu lernen und zu musizieren.

Marisa Martina Kopf

Auszubildende / Heinrich-Schulz-Bibliothek / Musikabteilung