Der erste mobile Musik-Makerspace – m3 – ein Projektbericht

Idee

Die Ausgangsidee Anfang 2018 war, durch ein niedrigschwelliges Angebot Menschen aller Altersgruppen und Kulturkreise über Elektrobeats und -klänge zum Ausprobieren und freien Musizieren anzuregen. Auch jenen, die über keinerlei musiktheoretische Kenntnisse verfügen, soll eine wertungsfreie, offene Plattform für die Entdeckung der eigenen spielerischen Kreativität, für die Entwicklung neuer kognitiver Fähigkeiten und für die Stärkung persönlicher Ausdrucksmöglichkeiten geboten werden – inmitten der ihnen bekannten Bibliothek.

Das Konzept des m3

Die Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf ermöglicht seit Dezember 2018 diesen Zugang zur digitalen Musikgestaltung direkt zwischen den Noten- und Bücherregalen. Interessierte können in der Heinrich-Schulz-Bibliothek in Charlottenburg ohne jede Art von Notenkenntnissen Sounds, Beats und Klänge zu elektronischen Musikstücken kreativ mischen. Hierfür wurde ein kompakter, modular erweiterbarer „mobiler Musik-Makerspace“ (m3) als Prototyp entwickelt, der allen Besucher*innen im offenen Raum der Bibliothek – umgeben von weiteren Musikinstrumenten wie E-Piano, E-Gitarre und weiterem – zur Verfügung steht.

Das mit hochwertigen und aufeinander abgestimmten Komponenten ausgestattete, professionelle Tonstudio ist in einem rollbaren Case verbaut. Nach dem Verstauen der einzelnen Komponenten und dem Zusammenklappen der faltbaren Tischplatten ist der m3 einfach und sicher zu transportieren. Der frei in der Musikabteilung stehende m3 kann somit für Projekte im Gruppenarbeitsraum, in der Kinderbibliothek oder an jedem beliebigen Ort mit Stromanschluss und festem Boden aufgestellt werden.

Damit das wiederholte Abspielen der Musik nicht andere Besucher*innen der Bibliothek bei ihrem Aufenthalt beeinträchtigt, wird die Anwendung überwiegend über Kopfhörer betrieben. Dies ermöglicht ein geräuscharmes, gemeinsames Arbeiten an einem Musikstück von bis zu fünf Personen gleichzeitig. Zudem ist neben einer Lautsprecherbox, einem Musik-Controller und einem Keyboard auch ein Mikrofon implementiert, sodass bei Bedarf auch analoge Instrumente oder Gesang aufgenommen werden können. Der Clou des mobilen Musik-Makerspaces ist allerdings, dass insgesamt zwei identische, transportierbare m3 gebaut wurden: „Charlotte“ und „Wilma“. Beide m3 können Rücken an Rücken miteinander so verbunden werden, dass sie entweder autark für sich mit jeweils bis zu fünf Personen funktionieren oder kombiniert von bis zu zehn Personen gleichzeitig für die gemeinsame Produktion von Songs bzw. für Workshops mit Lernwilligen genutzt werden können.

Bislang ist dieses Angebot einmalig in Deutschland, vermutlich sogar weltweit: Das professionelle Tonstudio ist einfach zugänglich, kostenlos, mobil einsetzbar und für eine gemeinschaftliche Kreativität angelegt. Es verursacht dabei wenig Aufwand bei der Einrichtung und Installation in der Bibliothek, da alle Komponenten und Verbindungen vorkonfiguriert sind. Es kann als öffentliches Musiklabor fungieren, bei dem Profis und Newbies von jung bis alt zusammenkommen und gemeinsam Musik machen. Die kreative Gemeinschaft ist hierbei ein zentraler innovativer Faktor. Während Musikproduzent*innen überwiegend alleine in ihren festen Studios abgeschieden für sich arbeiten, kann hier in Gruppen produziert und zudem die Produktion elektronischer Musik gelehrt werden. Mit dem m3 wird letztlich die Gestaltung elektronischer Musik out-of-the box in öffentlichen Räumen möglich. Vom Klingelton bis zum Singer-Song-Writer-Hit ist dabei alles möglich.

Projektverlauf

Im Rahmen des Leitbildes der Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf „Wir bieten Vielfalt einen Ort.“ galt das Ziel, die Attraktivität der traditionsreichen Musikabteilung mit ihren Noten-, CD-, DVD- und Buchbeständen deutlich zu steigern, indem über neuartige Angebote weitere diverse Musikinteressen angesprochen werden. Zu diesem Zweck bot Berlin als weltweiter Hotspot elektronischer Musik das ideale Terrain: über die Musikschule City West konnten Kontakte zu einer innovativen Musikszene eröffnet werden, die schließlich zu diesem Projekterfolg geführt haben. Ab Januar 2018 wurden bereits Gespräche mit einem Kollektiv aus freischaffenden Experten der Musik-Technologie-Szene und Designern geführt, das schließlich in der Lage war, exakt nach unseren Vorstellungen einen mobilen Musik-Makerspace zu konstruieren und zu konfigurieren. Die zentrale Kommunikation lief hierbei über Daniel Richter, Media Consulting, der auch  die maßgeblichen Ideen beisteuerte und koordinierte.

Die Zusammenarbeit war im gegenseitigen Interesse als Entwicklungsprojekt angelegt, bei dem nicht alle realen Entwicklungskosten berechnet, sondern der Fokus auf ein optimiertes Endprodukt gelegt wurde. Der m3 steht dadurch jetzt auf einer hoch ausgereiften Entwicklungsstufe, die jederzeit für andere Einrichtungen reproduzierbar ist. Ein fortführender Betreuungsvertrag für die folgenden Jahre sichert der Stadtbibliothek außerdem eine dauerhafte Funktionsfähigkeit des m3 sowie kontinuierliche Weiterentwicklungsoptionen. Denn dies ist erst der Anfang in einem zu eroberndem Neuland.

Ende November 2018 wurde der m3 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, seit Dezember 2018 steht der mobile Musik-Makerspace an seinem angedachten Ort, für den in der Musikabteilung entsprechend Platz geschaffen worden war. Das Erscheinungsbild der gesamten Musikabteilung wird durch den m3 erheblich aufgelockert. Nach den ersten Erfahrungen ist außerdem zukünftig von einer höheren Nutzung der übrigen Musikalien auszugehen.

Doch die Produktion des m3 ist – wie oben bereits angedeutet – nur der erste Schritt innerhalb des Projektes. Was als zweiter Schritt folgen muss, ist nun die Einbettung des m3 in ein maßgeschneidertes und nachhaltiges Schulungskonzept für alle Interessierten. Die Komplexität der Soft- und Hardware ist trotz aller Bemühungen nach wie vor noch sehr hoch, was teilweise Anwender*innen abschreckt. Diese offensichtlichen Hürden gilt es nun im weiteren Projektverlauf sukzessive abzubauen. Einerseits durch zunehmende Vereinfachung in der Bedienung, andererseits durch eine Vielzahl an Workshop-Angeboten jede Woche. Auf diese Weise soll das Know-how in der Nutzung des m3 verbreitet werden, sodass perspektivisch eine ehrenamtliche Community aus Junior- und Senior-Expert*innen entstehen kann, die allen neuen Interessierten bereitwillig Hilfestellungen bieten. Dieser zweite Schritt im Projekt m3, die Durchführung von Workshops, für die bereits mehrere Dozierende gefunden wurden, wird in den Jahren 2019 und 2020 finanziell aus Fördermitteln „Digitale Welten“ des Verbunds Öffentlicher Bibliotheken Berlins (VÖBB) unterstützt.

Im Übrigen hat sich bereits – alleine aufgrund der Aufstellung des m3 in der Bibliothek – mit Daniel (ein 19-jähriger, regelmäßiger Besucher aus dem Wohnumfeld der Bibliothek, der seit gut fünf Jahren zu Hause mit weniger ausgereiften Komponenten elektronische Musik produziert) ein Junior-Experte angeboten, ehrenamtlich jeden Donnerstag zwischen 15 und 17 Uhr Interessierten zu helfen. Es kann also bereits in der Frühphase des zweiten Schrittes, nicht sehr lange nach der m3-Präsentation, bei den Bibliotheksbesucher*innen eine intrinsische Motivation und signifikante Teilnehmer*innenaktivierung konstatiert werden.

Parallel zu den oben genannten Schulungen werden Kooperationen mit bezirklichen Institutionen wie der Musikschule und Jugend- und Medienkompetenzzentren in Charlottenburg-Wilmersdorf durchgeführt und vertieft. Die Musikschule Charlottenburg-Wilmersdorf bietet den klassischen Musikunterricht, das Haus der Jugend (Zille54) dagegen Proberäume und Bandberatung für Jugendliche und entsprechendes Fachpersonal. Die Bibliothek sieht sich selbst eher als Vermittlerin digitaler Technologien und konzentriert sich daher auf das Musikmachen. Das spielerische Musizieren in der Bibliothek fördert ihren Begegnungscharakter, der auch im Veranstaltungsangebot sichtbar für die milieuübergreifende Zusammenführung der Stadtgesellschaft stehen wird.

Resümee

Elektronische Musik selbst zu gestalten, ist aktuell ein starker Trend. Mit dem m3 wird die elektronische Musik aus den abgeschotteten Tonstudios heraus in den öffentlichen Raum geholt. Der Musik-Makerspace m3 hat das Potenzial, eine feste Größe in der Charlottenburg-Wilmersdorfer Musiklandschaft zu werden. Durch die inspirierende Umgebung und die sich entwickelnden Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen im Bezirk kann sich über den mobilen Musik-Makerspace die Zugänglichkeit zur Musik und Musikproduktion verändern. Die Besucher*innen werden an neue, elektronische Musik und deren zahlreiche, kreative Optionen wie neue musikalische Mischformen und Synthesen herangeführt. Vor allem bietet der m3 verschiedenen Generationen an Musikinteressierten und -schaffenden die Möglichkeit, sich zu begegnen. Damit wurde das Dienstleistungsangebot einer der ältesten Musikbibliotheken Deutschlands nicht nur erweitert, sondern komplett neu entwickelt.

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