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Rezension zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Jude, JB, Willem und Malcolm lernen sich an einem College kennen. Über viele Jahre begleiten wir die Freundschaft der vier Männer, die nach der Ausbildung im Beruf Fuß zu fassen versuchen, Beziehungen führen und Erwachsen werden. Dreh- und Angelpunkt ist dabei der hochbegabte, liebenswürdige und überaus loyale Jude, den die Nachwirkungen einer schweren Verletzung immer wieder aus dem Leben reißen. Nach und nach gibt die Geschichte Preis, wie gebrochen Jude auch innerlich ist und wie diese innere Zerrissenheit sein Leben, in Form seines Denkens und Handelns bestimmt. Dabei ist Bestimmtheit der falsche Ausdruck, denn das eigene Schicksal manipuliert ihn, bis zum Ende ist er ein Sklave seiner eigenen Lebensgeschichte.

Zu Anfang des Romans lässt uns die Autorin Yanagihara teil des Freundeskreises werden. Unterhaltungen zwischen den Protagonisten und innerliche Dialoge sind so fein, besonnen und detailliert beschrieben, es hat gar keinen Sinn sich dem Sog der Geschichte und der Wahrhaftigkeit der Erzählung zu entziehen. Eingewoben in die Handlung, spürt man die körperlichen und seelischen Qualen am eigenen Leib, die retrospektiv immer mehr ans Licht kommen. Das Setting in der Akademiker- und Kunstszene New Yorks wirkt ab und an zu stereotyp und kitschig. Vielleicht braucht der Roman diese Klischees als Seil oder Anker, an denen sich die Leserschaft festhalten kann, um nicht mit dem Buch unterzugehen? Denn das führt Yanagihara herbei. Die Geschichte Judes legt sich wie Blei ums Herz und wiegt schwer, jede Schleife in Judes Vergangenheit zieht sich fester um die eigene Kehle.

Ein Wort zu finden, um diesen Roman zu beschreiben, ist nicht einfach. Er ist extrem. Extrem aufwühlend, extrem vernichtend, extrem erschütternd, extrem ehrlich und extrem authentisch. Wir bewegen uns von kaum zu ertragenden Gegebenheiten, zu Schilderungen, die vor Liebe und Wärme überquellen. Wie bedingungslos kann man jemanden lieben? Wie viel Liebe wiegt seelische Wunden auf? Welche Arten von Liebe gibt es? Darüber lehrt uns Yanagihara eine Menge und führt uns gleichzeitig zu der Traurigkeit der Menschen, die sich der Liebe nicht wert fühlen.

So düster und wuchtig der Roman auch ist, so lesenswert ist er dennoch. Menschen, die Dunkelheit in der Seele spüren, werden sich verstanden fühlen. Alle anderen können diese Dunkelheit mit Hilfe von Yangihara verstehen lernen.

Anna Schares, Ausbildungsleitung der Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf

Informationen zu Buch

Titel: Ein wenig Leben
Autor*in: Hanya Yanagihara
Verlag: Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-25471-8

Signatur Buch: Roman Yana
Link: https://www.voebb.de//aDISWeb/app?service=direct/0/Home/$DirectLink&sp=SPROD00&sp=SAK16133473
(Vorhanden in allen Bibliotheken des Bezirks, außer in der Eberhard-Alexander-Burgh-Bibliothek)

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