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Rezension zu „Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion

Frau liest Joan Didions Buch

Joan Didion, die bekannte amerikanische Autorin, beschreibt in diesem autobiografischen Buch ihr Fühlen, ihr Handeln und ihr Denken in einer Phase ihres Lebens, die von tiefer Trauer gefüllt ist. Ihr Mann und sie sind fast 40 Jahre verheiratet, als dieser plötzlich verstirbt. Zu diesem Zeitpunkt liegt ihre gemeinsame erwachsene Tochter schon seit einiger Zeit bewusstlos auf der Intensivstation.

Keine Angst, damit ist der Inhalt des Buches noch nicht gespoilert! Nun tauchen wir erst richtig ein in Didions Innenwelt.
Didion bleibt zunächst stark, so wird es zumindest gemeinhin bezeichnet, wenn Leid oder innere Verletzungen verhüllt bleiben. Dabei handelt es sich doch vielmehr um ein Dementieren und Ausblenden von Emotionen. Didion hinterfragt dieses gesellschaftlich vorgegebene Protokoll der Trauer und die sich selbst auferlegten Riten, die einer trauernden Ehefrau und einer starken Mutter entsprechen sollen. Ausflüge in die Vergangenheit beschreiben der Leserschaft die Beziehung zwischen den Eheleuten und ihrem Elternsein. Der Autorin geben diese Rückblenden Anlass zum Wegdenken, Dazudenken und Umdenken. Zu ihrem, wie sie es treffender nicht hätte betiteln können, magischen Denken.

Gab es Anzeichen oder Vorboten des tragischen Vorfalls? Hätte sie Dinge anders entscheiden müssen, sich anders verhalten können? Wusste ihr Mann, dass er stirbt?
Sie beschreibt das eigene Hadern, Dinge un- oder falsch ausgesprochen gelassen zu haben, mithilfe einer Gedichtzeile aus East Coker von T. S. Eliot, die so wunderbar treffend ist:

„Weil man nur gelernt hat, Worte zu meistern
für Dinge, die man nicht mehr sagen will, oder für Formen,
in denen man sie nicht mehr sagen möchte.“

Das Buch liest sich an vielen Stellen wie das Tagebuch von Joan Didion. Sie lässt viele intime Momente zu und zeigt sich sehr verletzlich. Sie schafft es immer wieder sich selbst in die Episode ihres Lebens einzuordnen, sich zu reflektieren und kann die Leserschaft nur so am magischen Denken teilhaben lassen, weil sie es sich selbst gewahr werden lässt. Didion ist eine starke und sehr kluge Frau, die hiermit ein wahrhaftiges und aufrichtiges Buch verfasst hat.

Zum Schluss sehen Sie sich das Cover des Buches auf dem Foto noch einmal genauer an. Vier Buchstaben des in dunkelblau gedruckten Titels sind türkis hervorgehoben. J, O, H und N. John war ihr Ehemann.Joan Didions Buch im Regal

Anna Schares, Ausbildungsleitung der Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf

Informationen zum Buch
Titel: Das Jahr magischen Denkens
Autor*in: Joan Didion
Verlag: Claassen, Berlin
ISBN: 978-3-546-00405-3

Signatur: Lit 440 Didion,_Joa
Link: https://voebb.de/aDISWeb/app?service=direct/0/Home/$DirectLink&sp=SPROD00&sp=SAK08228269
(Vorhanden in der Heinrich-Schulz-Bibliothek, der Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek und der Ingeborg-Bachmann-Bibliothek)

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